Der Mensch im Kosmos
OT Le phénomène humain OA 1955 (postum) DE 1959Form Sachbuch Bereich Theologie
In seinem Hauptwerk untersucht Marie-Joseph Pierre Teilhard de Chardin den Ursprung und die stammesgeschichtliche Entwicklung des Lebens und Denkens. Aus seinen Beobachtungen leitet er einen transzendenten Endpunkt der Evolution ab.
Entstehung: Der Hauptteil des Buchs entstand bereits zwischen 1938 und 1940 in China und den USA. Eine Anfrage des Autors um Druckerlaubnis beim Vatikan blieb 1941 ohne Antwort. Auch sieben Jahre später, nach Umarbeitung und Ergänzung des Texts, wurde das kirchliche Imprimatur nicht erteilt, sodass die Schrift erst postum im Jahr 1955 erscheinen konnte.
Inhalt: Der Autor stellt die Entwicklung des Universums in vier Stufen dar – 1. die Entstehung der Materie als Vorstufe des Lebens (Geogenese), 2. die Entstehung des Lebens aus der Materie (Biogenese), 3. die Entstehung des Denkens (Psychogenese) bzw. des Ich-Bewusstseins (Noogenese) innerhalb des Lebens und 4. der Zusammenschluss des Denkens zu einer »höheren Lebensform« (Konvergenz des Geistes). Die erste Materie bildet sich aus der »Granulation« einer Ur-Energie, dem Licht vergleichbar. In der Materie erscheint diese Energie in zweifacher Form: als »tangentiale«, äußere Energie, welche die physikalischen und chemischen Eigenschaften des Stoffs bestimmt und als »radiale«, innere Energie, die bereits dem einfachen Stoff eine gewisse »Spontaneität«, ein rudimentäres Bewusstsein verleiht und die eigentlich treibende Kraft für den Fortschritt der Evolution darstellt. Die Materie hat von Beginn an eine »zweiseitige Struktur« und neben physischen auch psychische Merkmale.
Die Evolution erscheint Teilhard als eine Reihe »geplanter Zufälle«, die immer wieder zu sprunghafter Komplexitätszunahme in der Anordnung der Elementarteile führen – so etwa beim Übergang von unbelebter zu belebter Materie (vom Makromolekül zur Zelle) oder bei der Herausbildung des denkenden Ich-Bewusstseins beim Homo Sapiens durch Entwicklung des Nervensystems. Gleichzeitig findet eine »Erhitzung oder Konzentration des Psychischen« statt. Die physikalischen Eigenschaften der Materie treten durch die Noogenese in den Hintergrund und es entsteht eine soziale und mentale Gemeinschaft, eine Solidarität im Denken und Handeln, die als »Noosphäre«, als »denkende Schicht«, den gesamten Erdball umschließt. Das reflektive Bewusstsein des Menschen, von der Evolution hervorgebracht, richtet sich nun auf sich selbst und seine Entstehung. Er ist angehalten, die Zielrichtung der natürlichen Evolution zu erkennen, um diese aktiv (also auch mit künstlichen Mitteln wie z. B. der Technik) voranzutreiben. In diesem Sinne setzt die menschliche (Kultur-)Geschichte die »organische Bewegung des Lebens« bis zu ihrem Ende, dem »Punkt Omega«, fort. In Omega addiert und vereinigt sich das durch die Noogenese frei gewordene Bewusstsein zu einem kollektiven, planetarischen Gedächtnis und bringt als »Überpersönliches« die in sich vereinigten Persönlichkeiten zur Vollendung. Der Autor betont, dass sich die einzelnen Persönlichkeiten in der Konvergenz nicht auflösen, sondern ihr jeweiliges Ich-Bewusstsein und damit ihre Einzigartigkeit in Omega erst zur vollen Entfaltung gelangt. Das Streben des Bewusstseinsdrangs »nach immer höheren psychischen Formen« bis hin zu Omega ist unumkehrbar und sehr wahrscheinlich. Omega selbst ist von Anfang an als evolutive Kraft in der Schöpfung präsent und steht als deren Endpunkt außerhalb von Zeit und Raum. Der Gläubige erkennt in Omega Christus wieder, dessen Kraft der Liebe als Gesetz der gegenseitigen Anziehung alles Werden bestimmt, um es am Ende der Zeit in der Ewigkeit zusammenzuschließen.
Wirkung: Teilhards Anerkennung der grundlegenden Thesen der darwinistischen Evolutionstheorie und die Verneinung des Bösen als eigenständige Macht in der Welt brachten ihm von kirchlicher Seite viel Kritik ein. Sein theologisches Werk löste nach der Veröffentlichung jahrelange intensive und kontroverse Diskussionen aus. In jüngerer Zeit bezieht sich auch die US-amerikanische »Cyber-Culture« auf den französischen Jesuitenpater. Der globale Zusammenschluss von Computernetzwerken (Internet) wird hier als technische Realisation der teilhardschen Noosphäre interpretiert. S. I.
Samstag, 22. August 2009
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